Kaffee mit Seraina Kobler: «Manchmal muss ich wie Alice in mein Wunderland abtauchen»
Das Belcafe ist eines der städtischsten Cafés in der Stadt Zürich. Es ist laut, es ist voll, und rund um das Rondell, in dem es sich befindet, fahren die Trams in alle Richtungen. Seraina Kobler sitzt in einer Ecke dieses Cafés, im Wagen neben ihr ihre vier Monate alte Tochter, sie ist ihr fünftes Kind. Zeit und Ruhe zum Schreiben zu finden, ist für die Autorin nicht immer einfach. Wobei ihr Ältester schon fast 18 sei, wie sie betont. Dennoch: Ihren letzten Krimi, der passenderweise «Nachtschein» heisst, hat die 42-Jährige fast ausschliesslich nachts geschrieben.
Manchmal, erzählt sie, während sie im Belcafe ihren Milchkaffee trinkt, sei sie in der sogenannten Wolfsstunde besonders produktiv. Als Wolfsstunde wird die Stunde zwischen 3 und 4 Uhr morgens bezeichnet. Wer dann aufwacht, hat oft Mühe, wieder einzuschlafen. Für diese Fälle hat Seraina Kobler ihren Laptop auf dem Nachtisch stehen. Wacht sie auf, schreibt sie los. Das sei dann wie im Kino, dunkel rundherum, keine Ablenkung. Wenn sie am Morgen erwache, habe sie das gute Gefühl, das Tagessoll schon erreicht zu haben.
In «Nachtschein» und dem – sehr erfolgreichen – Vorgängerbuch «Tiefes, dunkles Blau» löst Seepolizistin Rosa Zambrano knifflige Mordfälle. Zum Ausgleich zieht sie Radieschen und Bohnen im Garten ihres Häuschens im Zürcher Niederdorf – ein Traum, auch einer ihrer Erschafferin, die zwar die Stadt, genauer: den Kreis 6, zu ihrer Heimat gemacht hat, aber manchmal dennoch einen Garten vermisst. «Rosa lebt ein paar meiner Sehnsüchte», sagt sie. Das sei ja das Schöne am Schreiben: dass es Freude machen dürfe, eine Leichtigkeit haben könne. Schliesslich, so habe sie beschlossen, solle das Schreiben ein Teil von ihr werden, etwas, was sie ein Leben lang machen wolle. Das gehe nicht, wenn es nur freudlose, harte Arbeit sei.
Eigentlich war das Schreiben schon lange Teil ihres Lebens: Vor dem Autorinnenleben arbeitete Kobler als Journalistin bei der NZZ. 2017 beschloss sie dann, sich selbständig zu machen und einen Roman zu schreiben. «Ich dachte damals, ich hätte das wirklich jetzt, in diesem Moment, entschieden», erzählt sie. Später entdeckte sie dann, dass sie diesen Wunsch offenbar doch schon länger gehegt hatte. So hatte ihr Laptop sie, als sie zwanzig war, als Sicherheitsfrage zum Zurücksetzen des Passworts nach ihrem Berufswunsch gefragt. Beantwortet hatte sie die Frage schon damals mit «Autorin», wie sie später per Zufall bemerkte. «Das hatte ich komplett vergessen», erzählt sie.
Derzeit arbeitet Kobler an ihrem vierten Buch, das im kommenden Jahr im Diogenes-Verlag erscheinen wird. Darin soll ein junger Ingenieur aus einem fiktiven Bergdorf dessen alteingesessene Bewohner zum Verkauf ihres Landes bewegen. Es ist eine Liebeserklärung an die Gletscher und ein Blick in eine mögliche Schweiz der Zukunft. Als Prognose will Kobler ihre Geschichte aber nicht verstanden wissen. Vielmehr soll das Buch eine spannende Erzählung mit fantastisch anmutenden Elementen bieten, die sich nicht zuletzt um die Frage dreht, was Herkunft bedeutet, was Heimat ist.
Eine Frage, die Kobler selbst umtreibt. Wenn sie auf den Friedhöfen in Bergdörfern die immer gleichen Namen sehe, diese Familien, die seit Generationen an einem Ort verwurzelt seien, dann fasziniere sie das. Gerade auch, weil in ihrer Familie das Gegenteil eine Konstante sei: das Aufbrechen, das Wandern, das Suchen nach einem Ort in der Welt. Kobler ist als Kind einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters im Raum Basel aufgewachsen und fürs Studium nach Zürich gezogen, wo sie seither lebt. Mit ihren Kindern spricht sie meist Hochdeutsch, und manchmal, so sagt sie, fühle es sich an, als würde sie – trotz eines fast ganzen Lebens in der Schweiz – noch immer ein bisschen von aussen auf die Schweiz blicken. Ein Umstand, der beim Schreiben, beim Beschreiben durchaus hilfreich sei.
Zum Schreiben zieht sich Kobler immer mal wieder zurück, vor allem in der Abschlussphase, wenn sie ein Buch fertigstellen will. «Manchmal muss ich wie Alice in mein Wunderland abtauchen.» Eine Zeit lang hatte sie einen Schreibraum im Niederdorf, wo ihr auch die Idee von Rosa Zambrano in ihrem Garten kam. Auch ins Engadin zieht sie sich immer mal wieder allein für ein paar Schreibtage oder -nächte zurück, wobei sie mittlerweile, auch im Bemühen um einen gesünderen Schreibrhythmus, genügend Zeit zum Schlafen einplant. Am Schreiben fasziniert sie das Erschaffen von Welten. Schon als Kind, das «alles las, was ihm in die Hände kam», sei sie gerne in diese Welten eingetaucht. Die Sprache sei zwar letztlich einfach ein Instrument, sagt sie. Aber dadurch, dass sie diese Welten erschaffen könne, auch eine Art Zauberkraft.
Ivonne Debrunner, Finanz und Wirtschaft, 21.03.2025, 15:25